Pflanzen auf Europas Bergen: "Hochgebirgsspezialisten" verschwinden zunehmend
Steigende Artenzahlen und -vielfalt verdecken Verlust
Jahrzehntelang steigende Temperaturen haben die Kältegrenzen vieler Gebirgspflanzen nach oben verschoben und zu wachsenden Artenzahlen auf Europas Gipfeln geführt. Dass diese Veränderungen auch immer mehr Verlierer hervorbringen, zeigt ein internationales Forschungsteam um Wissenschafter*innen der Universität Wien, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der BOKU University in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science. Das Bild einer wachsenden Artenvielfalt ist daher unvollständig und unterschlägt einen wesentlichen Aspekt der jüngsten Entwicklung, so das Fazit der aktuellen Studie.

Die Regionen oberhalb der alpinen Baumgrenze waren aufgrund kurzer Wachstumsperioden, geringer Wärmesummen und einem fast ganzjährigen Frostrisiko für viele Arten der europäischen Flora bis vor wenigen Jahrzehnten nicht besiedelbar. Die seit den 1980er Jahren rasant steigenden Temperaturen haben diese Kältegrenzen allerdings aufgeweicht und dadurch zu einem bereits mehrfach dokumentierten Anstieg der Artenzahlen auf europäischen Berggipfeln geführt. Das internationale Forschungsteam zeigt in der neuen Studie: Unter der Oberfläche steigender Biodiversität verschwinden zunehmend Arten, und zwar vor allem diejenigen, die besser an die einstmals kühleren Verhältnisse angepasst sind.
Die Wissenschafter*innen haben Daten von Dauerbeobachtungsflächen auf 62 europäischen Berggipfeln ausgewertet, die zwischen 2001 und 2022 im Rahmen des globalen Monitoring-Netzwerks GLORIA insgesamt viermal auf ihre Artenzusammensetzung untersucht worden sind. Diese Daten zeigen, dass der Prozentsatz der Arten, die in der jeweils nächsten Untersuchung nicht wiedergefunden werden konnten, von Mal zu Mal angestiegen ist. Betroffen sind besonders diejenigen Arten, die im Vergleich zu ihrer Umgebung an noch höher gelegene, kühlere Standorte angepasst sind.
Stärkere Verluste bei stärkerer Erwärmung und unter den Arten höherer Lagen
Die Studienergebnisse legen nahe, dass die steigenden Verluste dem Klimawandel anzulasten sind: "Die Daten zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des lokalen Temperaturanstiegs auf den einzelnen Gipfeln und dem Artenverlust auf diesen Gipfeln. Dieser Zusammenhang ist sogar stärker als der zeitliche Trend", erklärt Johannes Wessely von der Universität Wien, der Erstautor der Studie. Besonders bedroht sind jene Arten, die, relativ zu ihrer Umgebung, höhere Lagen bevorzugen. "Anders gesagt, das Risiko, dass eine Art aus einer Dauerfläche verschwindet, steigt mit der Annäherung an ihre untere, wärmere Verbreitungsgrenze, die ja infolge des Klimawandels höher steigt", erklärt Harald Pauli, der Leiter des GLORIA-Netzwerks von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der BOKU.
Beginnende Rückzahlung einer "Aussterbeschuld"?
Hochgebirgsspezialisten – also auf Gipfeln bisher übliche Arten – sind besonders stresstolerant und langlebig. Bisherige Arbeiten vermuten, dass sich das lokale Aussterben dieser Pflanzen daher verzögern kann – eine sogenannte "Aussterbeschuld" kann sich über die Zeit anhäufen. Das ist auch ein möglicher Grund, warum steigende Artenzahlen auf Berggipfeln bisher wesentlich häufiger und besser dokumentiert worden sind als Artenverluste.
Dem Verschwinden der Arten von Dauerflächen geht jedenfalls tatsächlich eine längere Phase des Populationsrückgangs voraus. Diese Tatsache könnte bedeuten, dass in den steigenden Verlusten die verzögerte Reaktion auf die jahrzehntelange Klimaerwärmung, also die beginnende Rückzahlung einer Aussterbeschuld sichtbar wird – eine Interpretation, die laut Projektleiter Stefan Dullinger aber erst durch weiterführende Untersuchungen unterstützt werden muss.
Die Untersuchung wurde vom European Resarch Council ERC im Rahmen des Horizon 2020 Programms gefördert (grant agreement No 883669).
Zusammenfassung
Jahrzehntelang steigende Temperaturen haben zur Ansiedlung von Arten aus tieferen Lagen auf Europas Gipfeln geführt.
An Kälte gewöhnte Arten verschwinden jedoch. Die Daten zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des lokalen Temperaturanstiegs auf den einzelnen Gipfeln und dem Artenverlust.
Da diese "Hochgebirgsspezialisten" aber sehr stressresistent sind, geht ihrem Verschwinden oft eine längere Phase des Populationsrückgangs voraus.
Das Bild einer generellen Artenzunahme auf Gipfeln ist daher täuschend. Die aktuellen Ergebnisse stützen die These, dass Verluste verzögert auftreten und immer weiter zunehmen.
Die Wissenschafter*innen haben Daten von Dauerbeobachtungsflächen auf 62 europäischen Berggipfeln ausgewertet, die zwischen 2001 und 2022 im Rahmen des globalen Monitoring-Netzwerks GLORIA insgesamt viermal auf ihre Artenzusammensetzung untersucht worden sind.
Originalpublikation
Wessely, J.,Dullinger S., et. al: Rising plant extinction rates on European mountain summits. In Science.
DOI: 10.1126/science.aed2974 (online ab 20:00)
Wissenschaftliche Kontakte
Dr. Johannes Wessely
Department für Botanik und Biodiversitätsforschung
Universität Wien
1030 Wien, Rennweg 14
T +43-1-4277-54376
johannes.wessely@univie.ac.at
www.univie.ac.at
Priv.-Doz. Mag. Dr. Harald Pauli
GLORIA-Koordination
BOKU University und Österreichische Akademie der Wissenschaften
T +43 1 47654 83160
harald.pauli@boku.ac.at
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Quelle
Pressemitteilung Universität Wien, 3.9.2026