Naturnahe Beweidung fördert Artenvielfalt

07. Januar 2026

Zehn Jahre Beweidung, ein Projekt des WWF im Auenreservat Marchegg zeigt, wie freilebende Pferde das Ökosystem formen. Davon profitieren sowohl Biodiversität als auch das Klima. Experten empfehlen deshalb, mehr Flächen extensiv zu beweiden.

Überschwemmte Wiese mit einem großen Eichbaum im Auengebiet bei der Storchenstadt Marchegg in Niederösterreich.

Seit 2015 weidet im niederösterreichischen Marchegg auf rund 80 Hektar Fläche eine Herde freilebender Pferde. Das Projekt verfolgt, wie sich die Natur neben den großen Pflanzenfressern entwickelt. „Durch die Beweidung haben wir einen wahren Artenboom im Reservat erlebt. Unsere Weidetiere schaffen vielfältige Lebensräume, von denen stark gefährdete Tier- und Pflanzenarten profitieren", sagt Jurrien Westerhof, Leiter für die Arbeit des WWF in der Marchregion.

Die Tiere übernehmen dabei die Rolle ausgestorbener Wildpferde und verhindern durch ihre Anwesenheit, dass die Auwiesen zuwachsen. „Ein gesundes Ökosystem braucht große Pflanzenfresser, die die Landschaft gestalten. Dadurch entsteht ein wirklich natürliches Ökosystem“, so Westerhof.

Durch das Fressverhalten der Graser, ihre Trittspuren und Dunghaufen entstehen Bedingungen, bei denen sich viele bedrohte Arten besonders wohlfühlen – darunter spezialisierte Pflanzen und Pilze, sowie gefährdete Insektenarten wie der Dungkäfer, der anderswo in Österreich fast verschwunden ist. Allein 40 verschiedene Heuschreckenarten kommen in dem beweideten Gebiet vor, unter den seltenen Pflanzen ist der Streifenklee und das Hügelknäuelkraut.

Störche kehren auf Nistplätze zurück

Die Konikpferde, die im Sommer auch von Rindern unterstützt werden, lockern die Grenze zwischen Wald und Offenland auf, es entstehen abwechslungsreiche Wiesen und lichter Wald. Seltene Vogelarten wie der Wiedehopf, Wendehals oder Neuntöter begrüßen diese Veränderungen. Auch der Weißstorch, dessen Bestände unter der Industrialisierung der Landwirtschaft und der Trockenlegung von Feuchtgebieten stark gelitten hatten, nimmt das Angebot in Marchegg an.

„Die Pferde halten die Vegetation abwechslungsreich und schaffen gute Bedingungen für Großinsekten wie Heuschrecken oder Käfer. Das erleichtert den Störchen die Nahrungssuche und führt zu einem relativ hohen Bruterfolg“, sagt Westerhof. Im Jahr 2024 wurden 54 Brutpaare gezählt, das ist der höchste Stand seit einem Vierteljahrhundert. Die großen Vögel kehren im Auenreservat dank spezieller Nesthilfen auf ihre ursprünglichen Nistplätze auf Bäumen zurück.

Anders als intensive Beweidung durch Nutztiere

Die Artenvielfalt profitiert von der Beweidung, zu diesem Schluss kommt auch eine aktuelle Metastudie, die Arbeiten aus ganz Europa zu den Auswirkungen naturnaher Bewirtschaftung zusammenfasst. Das Ergebnis: Extensive Landnutzung, bei der der Einfluss des Menschen minimiert wird, führt zu einem starken Anstieg der Biodiversität. Laut den Autoren sind extensive Beweidung oder extensives Mähen die besten Möglichkeiten für den Naturschutz im Grünland.

Wichtig ist dabei, zwischen naturnaher Nutzung durch heimische Weidetiere und intensiver Nutztierhaltung zu unterscheiden. Letztere steht oft in Kritik, klimaschädlich zu sein, nicht zuletzt wegen des hohen Methanausstoßes durch die als Nutzvieh verbreiteten Rinder. Die beweideten Wiesen in Marchegg sind hingegen stabile CO2-Speicher, das bestätigt eine 2025 erschienene Studie der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien.

Beweidete Wiesen als CO2 Speicher

Denn die Auwiesen binden Kohlenstoff, wobei die Dungkäfer wertvolle Arbeit leisten, indem sie den anfallenden Pferdemist in der Erde vergraben. Dieser Effekt trotzt auch Hochwasserereignissen, etwa dem aus dem September 2024. „Das ist ein Hinweis auf die funktionale Stabilität des renaturierten Feuchtgebiets“, sagt Magdalena von der Thannen, die an der Studie beteiligt war, in einer Aussendung.

Beweidung nach alter Tradition

Die Beweidung in der Marchegger Auenlandschaft setzt auf die robuste Ponyrasse der Koniks, die aus Mittel- und Osteuropa stammt und in zahlreichen Naturschutzgebieten unter nahezu wilden Bedingungen zur Beweidung eingesetzt wird. Das Projekt macht Beweidung nach alter Tradition, die in dem Gebiet wahrscheinlich tausende Jahre zurückreicht. Mit der Aufgabe dieser Bewirtschaftung in der Mitte des 20. Jahrhunderts und der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft verschwand ein Arsenal an Pflanzen- und Tierarten, die an die halboffene Landschaft angepasst waren.

Anhand der Erfolge des Projekts fordern Fachleute nun, mehr solche Beweidungsprojekte in Österreich umzusetzen. Bestehende Hürden auf bürokratischer, finanzieller und rechtlicher Ebene müssten abgebaut werden. Generell brauche es flächendeckend naturbasierte Lösungen, um gegen den Klimawandel und das Artensterben vorzugehen.

March einst enorm verschmutzt

Die March zählte einst aufgrund der enormen Verschmutzung durch die Zucker- und Erdölindustrie zu den dreckigsten Flüssen Österreichs. Im Jahr 1970 erwarben der WWF und die Stadtgemeinde Marchegg ein rund 1.200 Hektar großes Areal, das bald darauf unter Naturschutz gestellt wurde. Uferverbauungen wurden entfernt und der mäandrierende Flussverlauf wiederhergestellt. Heute, nach mehr als 50 Jahren Renaturierung, zielt das Management darauf ab, den Einfluss des Menschen zu reduzieren und die Natur so weit wie möglich sich selbst zu überlassen.

Quelle

„Wildpferde“: Naturnahe Beweidung fördert Artenvielfalt - science.ORF.at