Naturgeräusche mildern Lärmbelastung

30. April 2026

Chronische Lärmbelastung ist ein Stressfaktor, der Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen verursachen kann. Darauf will der Internationale Tag gegen Lärm am 29. April aufmerksam machen. Natürliche Geräuschkulissen, etwa in Wäldern, können lärmbedingten Stress verringern.

Blick über eine Wiese, in der einige Gruppen erholungssuchender Personen sitzen.

Viele Menschen sind im Alltag andauernder Beschallung ausgesetzt: Der dröhnende Verkehrslärm, das Gemurmel im Großraumbüro, das Läuten von Mobiltelefonen, das Brummen von Elektrogeräten. Der Internationale Tag gegen Lärm am 29. April will Bewusstsein für diese akustischen Belastung schaffen – denn Lärm beeinträchtigt die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit.

Messbare Entspannungseffekte

Deswegen wird heute auch darauf aufmerksam gemacht, dass Menschen davon profitieren, ausreichend Zeit an Orten abseits dieses Zivilisationslärms zu verbringen: in Naturräumen wie Wäldern. Der Wind, der durch die Baumkronen rauscht, das Zwitschern der Vögel, das Plätschern eines Baches – diese Naturgeräusche, allen voran die Geräuschkulisse heimischer Wälder, haben eine beruhigende Wirkung auf Menschen. Das konnten zahlreiche Studien zeigen.

Eine Untersuchung, an der Daniela Haluza von der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin der Medizinischen Universität Wien beteiligt war, kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass es bereits nach 20 Minuten in einer naturnahen Waldlandschaft zu messbaren Entspannungseffekten kommt. „Natürliche Geräusche aktivieren den Parasympathikus, also den Teil des Nervensystems, der für Erholung und Regeneration zuständig ist“, sagt Haluza.

Gleichmäßige Klangmuster

Die Umweltmedizinerin und ihr Team konnten zum Beispiel eine niedrigere Herzfrequenz oder ein Absinken der Stresshormone nachweisen, wenn sich Menschen zumindest 20 Minuten in einem naturnahen Wald aufhalten. Gerade die Geräuschkulisse von Wäldern zeichne eine spezielle Qualität aus, sagt Haluza. Denn in solchen Grünräumen dominieren gleichmäßige Klangmuster wie Blätterrauschen, Insektenbrummen oder Vogelgezwitscher.

Diese Klangmuster seien in der Regel gleichmäßig, vorhersehbar und wenig abrupt. „Also im Gegensatz zu urbanen Lärm, der oft unregelmäßig kommt und schwer kontrollierbar ist“, ergänzt die Umweltmedizinerin. Aus neurobiologischer Sicht habe diese Geräuschkulisse direkte Auswirkungen auf unser Stresssystem. Selbst Vogelgezwitscher als isolierte Geräuschkulisse dürfte bereits eine positive Wirkung auf das psychische Wohlbefinden haben.

Hohe Lärmbelastung

Laut einer Studie, an der das des Max-Planck-Institut für Bildungsforschung beteiligt war und die vergangenes Jahr im Fachmagazin Nature Scientific Reports erschienen ist, mildern bereits sechs Minuten Vogelgezwitscher Ängstlichkeit und irrationale Gedanken. Für die Untersuchung ließ das Forschungsteam knapp 300 Probandinnen und Probanden Verkehrsgeräuschen oder Vogelgezwitscher lauschen. Danach füllten sie Fragebögen zur mentalen Gesundheit aus und lösten Kognitionsaufgaben. Die Auswertung zeigte, dass sich die Vogelstimmen positiv auf die psychische Verfassung und die kognitive Leistungsfähigkeit auswirkten, der Verkehrslärm dagegen negativ.

Den negativen Effekt von Lärmbelastung durch Verkehr, Baustellen oder Industrie auf Gesundheit und Lebenserwartung konnten zahlreiche Studien belegen. Sie zeigen etwa ein erhöhtes Risiko durch Lärm für Schlafstörungen, Herzkreislauferkrankungen oder Depressionen. Laut einem Bericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) gehen allein wegen der Lärmbelastung durch Verkehr in Europa jedes Jahr etwa 1,3 Millionen gesunde Lebensjahre verloren. Dies entspreche jährlichen wirtschaftlichen Kosten von mindestens 95,6 Milliarden Euro beziehungsweise etwa 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Region. Denn mehr als 20 Prozent der Europäerinnen und Europäer seien im Alltag schädlicher „Lärmverschmutzung“ ausgesetzt.

Natur-Defizit bei Jungen

Zu viel Zeit mit Lärmbelastung, zu wenig Zeit in der Natur – ein Phänomen, das bereits bei Kindern und Jugendlichen vermehrt beobachtet werde, sagt Haluza. „Kaum Zeit in der Natur zu verbringen schadet der Entwicklung und begünstigt im zunehmenden Alter dann Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes oder Depressionen“, so Haluza. Denn Zeit in der Natur zu verbringen, wirke nicht nur gegen Stress, sondern fördere auch die Bewegungsfreude, sagt die Umweltmedizinerin.

Regelmäßig Zeit in der Natur zu verbringen, wirke also auf mehreren Ebenen positiv auf Gesundheit und psychisches Wohlbefinden, betont Haluza. Das zeige auch die Statistik: Menschen, die in der Nähe grüner Naturräume leben, verbringen dort mehr Zeit und haben auch eine längere Lebenserwartung als jene, die sich kaum in der Natur aufhalten.

Quelle

https://science.orf.at/stories/3235301/