Aufbau des Bewertungssystems

In horizontaler Richtung wird das Leitbild einer nachhaltigen Jagd in einen ökologischen, ökonomischen und sozio-kulturellen Nachhaltigkeitsbereich unterteilt. In vertikaler Richtung besteht das Bewertungssystem innerhalb jedes Bereiches aus einem hierarchisch aufgebauten Satz von Prinzipien, Oberkriterien und Kriterien, der sich von der obersten Ebene der Prinzipien bis zu den einzelnen Bewertungskriterien nach unten hin zunehmend verzweigt. Prinzipien werden durch Oberkriterien und diese wiederum durch Kriterien konkretisiert.

Insgesamt werden 13 Prinzipien, 24 Oberkriterien und 51 Kriterien definiert.

  • Prinzipien der Nachhaltigkeit beschreiben übergeordnete Ziele, die vom Leitbild einer nachhaltigen Jagd abgeleitet sind.
  • Oberkriterien der Nachhaltigkeit beschreiben bestimmte Merkmale der Prinzipien und näher zu definieren diese näher. Einem Prinzip können mehrere Oberkriterien zugeordnet sein.
  • Kriterien dienen der weiteren Präzisierung von besonders nachhaltigkeitsrelevanten Merkmalen der Oberkriterien, die "messbar" bzw. überprüfbar sind. Einem Oberkriterium können mehrere Kriterien zugeordnet sein.
  • Jedem Kriterium ist ein Indikations- und Wertungsschema zugeordnet. Dadurch wird die Überprüfung möglich, in wie weit ein Kriterium in der Praxis erfüllt ist, und damit die "Messung" von Nachhaltigkeit. Dies erfolgt hier, indem zu jedem Kriterium zwischen zwei und fünf Bewertungsmöglichkeiten vorgegeben sind, denen eine bestimmte Punkteanzahl zugewiesen ist. Durch Auswahl der am genauesten zutreffenden Antwortmöglichkeit auf dieser Indikatorskala, erhält man den jeweiligen Indikatorwert. Die jeweilige Punkteanzahl bezeichnet dann gleichsam den erreichten Grad der Nachhaltigkeit. Durch diesen Vorgang erhalten Kriterien die Funktion von Indikatoren, d.h. von Mess- oder Prüfgrößen, die in numerischer Form (Punktewerte) die Abweichung des aktuellen IST-Zustandes vom potenziell möglichen Ideal-Zustand anzeigen.

 

Graphik

Übersichtstabelle: Prinzipien, Oberkriterien und Kriterien einer nachhaltigen Jagd

Prinzipien

Oberkriterien

Kriterien

Nr

Bezeichnung

fak

Ökologischer Bereich

Die Jagdausübung soll in ihrem Wirkungsbereich die Erhaltung und Verbesserung der Artenvielfalt des Wildes durch Schutz und Nutzung gewährleisten

Potenzielles natürliches Wildarteninventar unter Berücksichtigung des derzeitigen Lebensraumes (gilt nur für größere räumliche Einheiten, z. B. ein wildökologisch einheitlicher Raum oder ein Bundesland)

1

Aktuelle und potenzielle natürliche Wildartenliste

 

2

Umgang mit wiederkehrenden Arten (entsprechend dem potenziellen natürlichen Wildarteninventar)

X

3

Umgang mit Wildarten, die nicht im potenziellen natürlichen Wildarteninventar enthalten sind

X

Die Bejagung orientiert sich an der Lebensweise der Wildtiere

4

Bedachtnahme auf die Ungestörtheit des Lebensrhythmus der Wildtiere

 

5

Berücksichtigung der Reproduktionsbiologie sensibler Wildarten

 

6

Existenz revierübergreifender Bejagungsrichtlinien

 

Die Erhaltung und Verbesserung der Wildlebensräume ist ein Ziel der Jagdausübung

Die Jagdausübung hat Bezug zu anderen Landnutzungen

7

Existenz einer Strategie zur Abstimmung der Bejagung mit anderen Landnutzungen

 

8

Berücksichtigung von saisonalen Flaschenhalssituationen

 

9

Existenz eines Abschussplans und einer Abschussliste

 

10

Gliederung von Abschussplan und Abschussliste

 

11

Erfüllung der Abschusspläne bei Wildarten mit Reduktionsbedarf

 

Berücksichtigung des Wildeinflusses auf die Vegetation

12

Existenz von Kontrollzäunen zur Überwachung des Verbisses

X

13

Berücksichtigung der Ergebnisse objektiver forstlicher Beobachtungssysteme

X

14

Berücksichtigung der
Schutzfunktion des Waldes

X

15

Verhinderung landeskulturell untragbarer Wildeinflüsse

 

16

Berücksichtigung von Bestandesschwankungen

 

Erhaltung und Förderung der Biotopvernetzung

17

Berücksichtigung bestehender Fragmentierung des Wildlebensraumes

X

18

Feststellung und planliche Darstellung wichtiger Migrationsachsen, Wildkorridore und Zwangswechsel

 

19

Erhöhung der Attraktivität wichtiger Migrationsachsen, Korridore und Zwangswechsel

X

Berücksichtigung der Lebensraumkapazität

20

Vollständigkeit des Wildlebensraumes

 

21

Berücksichtigung der Konkurrenzverhältnisse zwischen verschiedenen Wildarten

 

22

Höhe der jährlichen Zuwachsrate beim Schalenwild

 

Die natürliche genetische Vielfalt der Wildarten wird durch eine entsprechende Jagdausübung erhalten und gefördert

Für die Erhaltung und Förderung der natürlichen genetischen Variabilität der Wildarten bestehen keine jagdlich bedingten Einschränkungen

23

Existenz trophäenästhetischer Vorgaben in Abschussrichtlinien

 

24

Selektive Bejagung von Wildtieren mit bestimmten natürlichen Merkmalen

 

Autochthone Wildtierpopulationen werden nicht durch Einbringung nicht autochthoner Wildtiere verfälscht

25

Einbringung nicht autochthoner Wildtiere

 

Ökonomischer Bereich

Die Sicherung bzw. Verbesserung der jagdwirtschaftlichen Ertragsfähigkeit ist ein Ziel der Jagdausübung

Die Rentabilität der Jagd ist mittelfristig gesichert

26

Existenz einer Vermarktungsstrategie

 

27

Aufwands-/Ertragsverhältnis

 

28

Vermarktung des Wildbrets

X

Der Jagdwert wird durch die Jagdausübung erhalten und/oder gefördert

29

Jagdliche Maßnahmen zur Förderung des Marktwertes

X

Die Erhaltung und Förderung der Kondition des Wildes ist ein Ziel der Jagdausübung

Durchschnittliches Wildbretgewicht

30

Kontinuierlicher, langfristiger Vergleich der Wildbretgewichte

 

31

Höhe der Wildbretgewichte

 

Vorhandensein einer zeitlichen und räumlichen Bejagungsstrategie

32

Existenz einer ökonomisch fundierten Bejagungsstrategie zur zeitlichen und räumlichen Durchführung der Bejagung; Dokumentation der Planung, Durchführung und Bewertung der Bejagung

 

Die land- und forstwirtschaftliche Schadensvermeidung ist ein Ziel der Jagdausübung

Die Jagdausübung ist an der Wildschadenanfälligkeit land- und forstwirtschaftlicher Kulturen orientiert

33

Berücksichtigung der Wildschadenanfälligkeit

 

Die Nutzung der Synergien mit anderen Wirtschaftszweigen ist ein Ziel der Jagdausübung

Die Jagd bildet mit anderen absehbaren anthropogenen Nutzungen eine ökonomische Einheit

34

Bestätigung einer gemeinsamen Vorgangsweise

 

Interdisziplinäre Optimierung geplanter Veränderungen im Wildlebensraum

35

Interdisziplinäre wildökologische Raumplanung (WÖRP)

 

36

Engagement der Jäger bei lebensraumverändernden Planungen und Projekten

X

Sozio-kultureller Bereich

Die jagdlichen Nutzungsinteressen der Bevölkerung werden berücksichtigt

Die Jagd hat durch eine entsprechende Einbindung einheimischer Jäger einen ausgewogenen Regionalbezug, berücksichtigt aber auch die Interessen auswärtiger Jäger

37

Interessenausgleich zwischen jagdausübungsberechtigten und nichtjagd­ausübungsberechtigten ortsansässigen Jägern

 

38

Angemessene Berücksichtigung nicht ortsansässiger Jäger

 

Eine lokale Arbeitsplatzsicherung im jagdlichen Bereich ist anzustreben

Die Jagd trägt durch die Bereitstellung von Arbeitsplätzen zur Arbeitsplatzsicherung bei

39

Bereitstellung jagdlicher Arbeitsplätze

 

Die Jagdausübung soll bei der Bevölkerung eine breite Akzeptanz finden

Berücksichtigung der ortsansässigen Bevölkerung

40

Dokumentation von Unstimmigkeiten bei der lokalen Behörde

 

41

Aktive Einbeziehung und Information nichtjagdlicher örtlicher Interessen- und Landnutzergruppen

 

Die Jagd hat einen Bezug zur breiteren Gesellschaft

42

Gesellschaftliches Engagement der Jäger und regelmäßiger kommunikativer Austausch mit der nichtjagenden Bevölkerung

 

43

Berücksichtigung der breiteren öffentlichen Meinung

 

Die Bejagung orientiert sich am Wohlbefinden des Wildes

Die Jagd wird mit geringst möglicher Beeinträchtigung der Lebensweise der Wildtiere ausgeübt

44

Vertrautheit der Wildtiere

 

Die Jagdausübung ist mit geringst möglichen Qualen für das Wildtier verbunden

45

Übertretungen von tierschutzrelevanten Gesetzesbestimmungen

 

46

Training der Schießfertigkeit

 

47

Einsatz von Gift bei der Jagdausübung

 

Die Jagd orientiert sich an der Bejagung von in der freien Wildbahn selbst reproduzierenden Wildtieren

Es werden keine aus Zucht und Gatterhaltung stammenden Wildtiere bejagt

48

Veräußerung (Weitergabe, Verkauf) von Wildtieren aus Gattern oder Volieren zur Bejagung

 

49

Freilassung von Wildtieren aus Gattern oder Volieren zur Bejagung

 

Der Umgang mit jagdlichen Traditionen ist ein Merkmal der sozio-kulturellen Nachhaltigkeit der Jagd

Jagdkultur wird gepflegt und nachfolgenden Jägergenerationen weiter vermittelt

50

Pflege der Jagdkultur

 

Traditionelle jagdliche Verhaltensregeln werden weiter entwickelt und an den gültigen Stand des Wissens angepasst

51

Überprüfung jagdlicher Verhaltensweisen durch regelmäßige Aktualisierung des Wissensstandes

 

 

X ... fakultativ, kann bei entsprechender Begründung entfallen

Direkt bewertet werden somit nur die einzelnen Kriterien durch Entscheidung für eine der angebotenen Bewertungsmöglichkeiten.

Kriterien und Indikatoren beschreiben stellvertretend wesentliche Anforderungen und Eigenschaften von Nachhaltigkeit. Ihre Bildung ist deshalb notwendig, weil ein Sachverhalt wie "nachhaltige Jagd" so komplex ist, dass niemals alle Aspekte gleichzeitig erfasst werden können. Daher muss eine Charakterisierung des Zustandes der Nachhaltigkeit im jeweiligen Jagdgebiet durch einen Satz ausgewählter, möglichst aussagekräftiger Merkmale erfolgen, die durch geeignete Kriterien und Indikatoren näher beschrieben werden.

Anmerkung:
Oberkriterien werden im Gesamtbericht als "Kriterien" bezeichnet.
Kriterien werden im Gesamtbericht als "Subkriterien" bezeichnet.

Letzte Änderung: 17.04.2008