Ökologische Auswirkungen

Als ein Charakteristikum erfolgreicher Neobiota gilt die Besiedlung von anthropogen beeinflussten Lebensräumen. Wegen der hohen Dynamik der Ressourcen (z.B. Nährstoffe) an solchen Standorten werden vor allem opportunistische Arten gefördert. Naturnahe und ungestörte Standorte sind weniger häufig betroffen. Dringen Neozoen in diese Standorte vor, treffen sie aber auf stenöke, weniger anpassungsfähige Arten, die dieser neuen Konkurrenzsituation oft nicht gewachsen sind. So dringt z.B. die Spanische Wegschnecke zunehmend in naturnahe Standorte vor, besonders in Auwälder niederer Lagen und in Feuchtwiesen, und wird dort durch Verdrängung heimischer Schnecken zur dominanten Schneckenart.

Die Ufervegetation von Still- und Fließgewässern ist besonders reich an Neophyten, so weisen manche Flussufer im Vergleich mit anderen naturnahen Standorten den höchsten Anteil an Archäo- und Neophyten in Mitteleuropa auf. Diese große Anzahl von Neophyten in fließgewässerbegleitender Vegetation wird durch die hohe natürliche Standortsdynamik (Geschiebeumlagerung, Hochwässer, Bodenverwundung), die generell günstigen Ausbreitungsmöglichkeiten entlang von Flüssen (Diasporendrift, etc.) und anthropogene Einflüsse erklärt (Eutrophierung, flussbauliche Maßnahmen). In die Wälder im pannonischen Raum von Ostösterreich dringen invasive neophytische Gehölze, wie die Robinie (Robinia pseudacacia) und der Götterbaum (Ailanthus altissima), teilweise massiv in die Strauch- und Baumschicht der Wälder ein und verursachen tiefgreifende Vegetations- und Standortsveränderungen.

Die Ruderal- und Segetalvegetation Österreichs (und Mitteleuropas) besitzt als störungsgeprägter Biotoptyp einen hohen Anteil an Neophyten. Ausgangspunkt der Verbreitung für Neophyten sind menschliche Siedlungen, in denen ihr Anteil mit steigender Siedlungsgröße zunimmt. Besonders hervorzuheben sind Städte und die mit diesen assozierten urban-industriellen Lebensraumtypen. In der Flora von Wien liegt der Anteil der Archäo- und Neophyten mit 591 Arten bei 27%.

Auch durch Neozoen sind ökologische Auswirkungen im aquatischen Bereich größer als in terrestrischen Biotoptypen. Kennzeichnend ist die Tatsache, dass aquatische Neozoen häufig entscheidend in ökosystemare Abläufe (z.B. Veränderungen im Nahrungsnetz und der Stoffkreisläufe) eingreifen.

Unter den terrestrischen Lebensräumen sind es vor allem anthropogen geschaffene, künstliche Lebensräume, die von Neozoen besiedelt werden, z.B. Monokulturen in der Land- und Forstwirtschaft und urbane Ballungszentren.

Neobiota können auch eine Veränderungen der räumlichen Struktur von Ökosystemen verursachen. Beispielsweise bewirken das Drüsige Springkraut Impatiens glandulifera, der Riesen-Bärenklau Heracleum mantegazzianum und die beiden Staudenknöterich-Arten Fallopia japonica und Fallopia sachalinensis, die alle einheimischen Arten der Krautschicht von Austandorten deutlich an Wuchshöhe übertreffen, eine vertikale Vergrößerung der Krautschicht. Der Eschen-Ahorn Acer negundo baut in Silberweidenauen eine zweite, niedrigere Baumschicht auf, die sonst in diesem Biotoptyp nicht vorhanden wäre. Der weitgehende Ausfall von Altbäumen der in manchen Waldtypen bestandesbildenden Feld-Ulme (Ulmus minor) durch das von zwei eingeschleppten Pilzarten (Ophiostoma ulmi, O. novo-ulmi) verursachte Ulmensterben hat deutliche Auswirkungen auf die Bestandesstruktur der betroffenen Waldtypen. 

Direkte "landschaftsgestaltende" Auswirkungen können sich durch die Grabtätigkeit von Bisamratte oder Nutria an Uferbefestigungen ergeben. Die Vernichtung der aquatischen Vegetation durch Graskarpfen verändert das Raumangebot für andere Fische (z.B. als Einstand oder Laichsubstrat) und das Lichtregime für viele wirbellose Tiere. Muscheln (z.B. Wandermuschel, Körbchenmuschel) können bei Massenauftreten große Muschelbänke ausbilden und auch der Schlickkrebs überzieht Hartsubstrate mit seinen Schlammröhren, wodurch andere Bodenlebende Organismen keine geeigneten Standortbedingungen vorfinden.

Jeder nicht heimische Organismus verändert die interspezifische Konkurrenzsituation, die Nischen- und Ressourcenverfügbarkeit, die Sukzessionsgeschwindigkeit und -richtung und die ökosystemare Produktivität. Dies beeinflusst die Artenzusammensetzung von Tier- und Pflanzengesellschaften.

Meist gemeinsam mit ihren Wirten eingeschleppt werden für das Gebiet neue Parasiten und Krankheitserreger. Viele Arten bleiben unauffällig und auch unbedeutend, solange keine wirtschaftlich bedeutenden Arten parasitiert werden (z.B. Fischparasiten, Amerikanischer Leberegel, Krebspest, Varroamilbe). Die Wirtspezifität von Parasiten ist unterschiedlich und so kann es auch zu unvorhersehbaren Wirtswechseln kommen. Bei komplizierten Entwicklungszyklen mit oft unbekannten Zwischenwirten sind Bekämpfungsmaßnahmen besonders schwierig.

Die evolutionären Konsequenzen von biologischen Invasionen sind bislang wenig untersucht. Aufgrund anthropogener Einflussnahme können Genpools nahe verwandter Arten miteinander in Kontakt gelangen, die zuvor getrennt waren. Mit dem Entfallen der Isolationsbarrieren kann es durch Hybridisierung und Introgression zu einem Verlust standorttypischer Ökotypen kommen.

Letzte Änderung: 19.02.2008